Raus aus dem Museum II

«Raus aus dem Museum»: Die Zukunft digitaler Kulturvermittlung gehört den Kulturdaten-Hackathons, Bootcamps, Codecamps, Coding Contests, Roadshows, in Zusammenarbeit mit Schulen und Universitäten, mit Künstlerinnen und Codern. Plattformen wie «Coding da Vinci» in Deutschland oder der Swiss Open Cultural Data Hackathon in der Schweiz sind Wundertüten, an deren Ende unerwartete, verblüffende Performances oder Prototypen stehen, die sich zuvor niemand hätte vorstellen können.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der MAI-Tagung 2019 («museums and the internet») des Landschaftsverbandes Rheinland in Düsseldorf waren ein ebenso aufmerksames wie begeisterungsfähiges Publikum. Auf dass Kultur-Hacks wie mein jüngstes Game «Letterjongg» bald eine museale Heimat finden mögen!


«Hack! And gamificate!»: Keynote an der Mai-Tagung 2019 im Ehrenhof Düsseldorf. (Bild: Holger Plickert)

Raus aus dem Museum I

Digitalisieren war gestern: Bibliotheken und Museen, die ihre Bestände in digitaler Form erfassen, sind noch längst nicht im Informationszeitalter angekommen. Daten sind nämlich bloss Daten und noch lange keine Information, geschweige denn Wissen. Dazu braucht es neue Kontexte und neue Anwendungen. Zum Beispiel Games, online und auf dem Smartphone; je verquerer, desto besser. Denn Games können viel mehr als bloss unterhalten: Games lassen die Menschen in reale und virtuelle Welten eintauchen. Sie sind Bühnen der Imagination, und sie sind Kunst.

Daher: Daten raus aus den beschaulichen Musentempeln und rein in die wilden Hackdays. Kooperationen mit Entwicklern, Gamedesign- und Kunsthochschulen, Online-Competitions und Kulturdaten-Roadshows, Aus- und Weiterbildungscamps – und vor allem Gamification: Die Kulturdaten und Computergames sind der Nährboden für eine neue Digitalkultur. Erste Schösslinge habe ich, bereits zum zweiten Mal, in einer Session an der re:publica in Berlin gegossen.

«Raus aus dem Museum!»: Session im Rahmen der re:publica auf Stage L im Deutschen Technikmuseum. (Video: re:publica, CC BY-SA)

Dun Carloway

Dun Carloway, Broch an der Westküste der Isle of Lewis, Äussere Hebriden, Schottland.

 
 
 
 
 
 

2:31

Broch (mp3), Radio SRF 2 Kultur, 25. Januar 2017

Elite

Elite kommt vom französischen élire, «auswählen», und genau das ist es, was Eliteschulen tun. Sie bilden aus, sie stacheln den Ehrgeiz an, und sie selektieren rigoros. Die Juilliard School in New York, das Central Saint Martins College in London, die École nationale de cirque in Montreal, die École nationale d'administration in Strassburg, die staatliche Akademie für Choreographie in Moskau, Kaospilot in Aarhus: Eine virtuelle Reise zu den renommiertesten Talentschmieden der Welt.

Dieser Text entstand im Auftrag der LGT-Bankengruppe, Vaduz, und ist Ende März 2019 im Magazin «Credo» erschienen.

 
 
 
 
 
 

2:03

Elite (mp3, ogg), Radio SRF 2 Kultur, 28. März 2014

 

Die Welt des Ptolemäus

Die Entdeckung eines unscheinbaren Bronzeklumpens in den Überresten eines Wracks aus der Antike zeigt: Die alten Griechen waren in der Lage, analoge Computer zu bauen. Der 2100 Jahre alte Mechanismus von Antikythera war ein leistungsfähiger astronomischer Rechner. Dieser Rechner, so haben jahrzehntelange Forschungen ergeben, war ein handgetriebenes Planetarium mit einem Differenzialgetriebe aus Dutzenden von Zahnrädern, das den Lauf von Sonne und Mond vorausberechnen konnte, dazu die Sonnenfinsternisse, die Mondphasen, die Positionen der Planeten Venus und Mars sowie einen Kalender mit den zwölf Monaten einschliesslich des Vierjahreszyklus der olympischen Spiele.

 


Mechanismus von Antikythera: Wissenschaftlicher Nachbau von Ludwig Oechslin, früherer Direktor des Internationalen Uhrenmuseums in La-Chaux-de-Fonds. (Bild: Beat Weinmann)

Der Mechanismus von Antikythera baut auf einem Planetensystem auf, das später der Mathematiker und Geograph Claudius Ptolemäus (100-160 n. Chr.) zum sogenannten ptolemäischen Weltbild verdichten sollte. Das Theorem stellt die Erde ins Zentrum des Alls und erklärt die sichtbaren Bewegungen der Himmelskörper mit der sogenannten Epizykeltheorie. Nach dieser Theorie bewegen sich die Planeten – zusätzlich zu ihrem Umlauf um die Erde – entlang eines kleinen Kreises, des Epizykels, der sich seinerseits entlang eines grösseren Kreises bewegt, der Deferent genannt wird. Nur die Epizykeltheorie vermochte schlüssig zu erklären, weshalb die Planeten auf ihrer ostwärts verlaufenden Bahn zuweilen stillzustehen und sich gar rückläufig zu bewegen scheinen.

Das ptolemäische Weltbild ist mit den Erkenntnissen der modernen Physik nicht zu vereinbaren. Als mathematisches Modell aber, das die Himmelsbeobachtungen zu berechnen vermag, ist es erstaunlich konsistent und präzise. Grund genug, das Planetensystem des Ptolemäus in Virtual Reality und mithilfe des Frameworks A-Frame sowie hochauflösender Bilder der Nasa nachzubauen. Ein Klick bewegt das virtuelle Raumschiff um eine Million Kilometer in die gewünschte Richtung; ein Klick ganz nach oben ermöglicht einen Überblick, ein Klick ganz nach unten führt zur Erde zurück.

Die Visualisierung ist im Massstab 1:1 Milliarde gehalten; die Planeten sind der Anschaulichkeit halber um den Faktor 100 vergrössert, und die Umlaufzeiten sind auf das Einmillionfache beschleunigt. Insgesamt soll das Modell eine Vorstellung von den staunenswerten Errungenschaften der Astronomie im 2. Jahrhundert vermitteln. Eines ist sicher: Die Kosmographen der Antike hätten A-Frame geliebt.

 
1 2 3 4 5 6 ... 31